Karelien, Finnland: im Land der Stille, Wolfsheulen und (Süß)Gebäck

Karelien-Sonnenuntergang

An dich Karelien. Da, wo ich die Stille schätzen gelernt habe.

Karelien. Alles, was ich über dich wusste, waren deine Piroggen, die Karjalan Pirakka. Ich habe hunderte davon gegessen und gekauft. Ich wollte dich schon viel eher besuchen. Schon damals, als ich gelesen habe, dass Wildtiere wie Wölfe, Bären, Vielfraße und Luchse deine einsame Landschaft als Lebensraum nutzen.

Trotzdem zog ich Lappland immer vor. Denn Lappland hat den unendlichen Sommer, den farbenprächtigen Herbst, den von rosa Schimmer erleuchteten Winter, den schneereichen Frühling. In Lappland gibt es Fjelle, Rentiere, abwechslungsreiche Landschaft.

Karelien: düsterer Wald und ein böser Wolf?

Ich muss zugeben, liebes Karelien, dass ich mir dich ziemlich langweilig vorgestellt habe. Irgendwie auch düster. Nur aus Wald bestehend. So wie in den alten russischen Märchen. Und von denen hatte ich als kleines Kind immer Angst. Da ein Teil von dir seit fast 100 Jahren schon Russland gehört, ist die Vorstellung doch gar nicht so falsch..?

Nein, ist sie nicht. Nicht die Vorstellung, sondern das Gefühl war grundverkehrt.

Karelien, du bist nicht langweilig. Du bist süß und luftig, manchmal auch salzig, du bist grün und blau und vollkommen still.

Du bist sehr ruhig und ausgeglichen, das merkte ich an deinem Klima. Typisch für das Landklima hast du deine Wälder aufgeheizt und vom Sonnenlicht erstrahlen lassen.

Das Festival of Lights in Karelien

Apropos, Sonnenlicht. Du bist eine ausgezeichnete Performerin. Die Weise, wie du einen Tag beginnst und die Art, wie du den Tag endest, sind alles andere als langweilig.

Luftige Wattebäuschen werden zu ausgezeichneten Hauptdarsteller. Sie spielen zärtlich mit den Sonnenstrahlen, besonders in den frühen Morgenstunden geben sie ihr Bestes. Auch der Nebel schaut gerne von der spiegelglatten Seeoberfläche auf das Lichtschauspiel hinauf.

Sonnenaufgang Karelien

Das Finale des menschlichen Tages stellen die Farbprojektionen dar – dein ganz persönliches Festival of Lights. Du kennst Farbenspektren, die selbst Frauen, mit ihren haarscharfen Farbbezeichnungen wie „mintgrün“ oder „korallrosa“ nicht definieren können.

Karelien-Farben

Auf einer Seite erstrahlt die Landschaft in feuergelb, sonnengelb, organgengelb oder pastellgelb, auf der anderen Seite wandelt sich das pastellgelb plötzlich in pastellblau, graublau bis marianengrabenblau und lässt alles andere in ihren Schatten stehen.

gelberSonnenuntergang-Karelien

Irgendwo dazwischen drängt sich Barbierosa, das nur darauf wartet, das Graublau in ein zartes, aber betontes Violett umzuwandeln.

Karelien-Sonnenuntergang2

Irgendwann tritt die Nacht ein. Für das menschliche Auge ist sie einfach nur schwarz. Hier oben, wird es im August aber nie komplett schwarz. Aus der Weite ist immer noch ein heller, blauer Lichtschimmer erkennbar.

Dämmerung-Karelien

Wenn ich in den tiefen Schlaf falle und nun gleichmäßig deine frische Waldluft durch meine Lungen strömen lasse, fängt dein Leben erst richtig an.

Das Leben in Karelien

Ach, Karelien, du bist so großzügig. Du bietest Lebensraum für Groß und Klein.

Wölfe haben eine große Bühne und ein breites Publikum für ihre nächtlichen Gesangvorstellungen,

Bären können sich austoben und Blaubeeren zum Umfallen essen,

Elche graziös zwischen den Kiefern stolzieren,

Bieber riesige Häuser (Dämme) für sich bauen und nachts den See fast für sich alleine haben.

Schlangen schlängeln sich vorsichtig auf den dichten, von Blau-und Preiselbeeren bedeckten Waldboden,

Adler, so groß wie der Mensch, kreisen majestätisch um die Sümpfe

– und Mücken, oh Mücken, zu denen bist du, Karelien, besonders großzügig.

Und dann gibt es noch solche wie mich.

Menschen, die für eine kurze Zeit, deine Wälder, Seen und Stille nutzen, um alles Unnötige aus dem Kopf zu verbannen und sich mit deiner wertvollen Energie wieder aufzuladen. Vielen Dank für diesen kostenlosen und höchst umweltfreundlichen Ökostrom.

Aber Karelien, du kennst noch einen Weg, um Menschen mit Energie zu versorgen.

Karelien, du Dickmacherin und Versorgerin

Die Maße heißt Kilokalorie. Dein Gebäck, egal ob süß oder herzhaft, befriedigt mein Naschherz ins Ungemeine. Deine warmen Piroggen mit Reis oder Kartoffel, deine aus Kartoffelmehl und echten Kartoffeln mit Reis gefüllte Tasche, deine herzhafte Torte mit sauren Gurken – das alles zergeht wie Butter auf der Zunge.

Und dein warmes apfelkuchenähnliches Gebäck mit Vanillesauce…..mhhh. Oj, und die Blaubeerkuchen, die mich mit ihren zahlreichen kleinen winzigen dunklenblauben Augen anstarrten und zum Essen riefen. Aber da musste ich halt machen.

Die kleinen runden und ultragesunden Beeren verfärbten schon im Wald meinen Mund, Gesicht und Hände. Rohkostqualität! Da vergesse ich doch schon fast die Preiselbeeren, Cranberrys und Waldhimbeeren zu erwähnen.

Karelien, ich weiß nicht, wie die Bären das sehen, für mich bist du der Beerenhimmel!
Karelien-Blaubeeren

Karelien, du weise Lehrerin.

Du lehrst die Einfacheit und die Stille.

Du lehrst, wie schön es ist an einem stillen See im dichten grünen Wald das Zelt aufzuschlagen und dort die Nacht zu verbringen.

Du lehrst, das Teilen. Nicht nur ich oder mein Freund wollen die Harmonie des Abends genießen, sondern auch die hunderte hungrige Mücken.

Deine verrodeten Bäume lehren die Kraft der Natur, die leider von so vielen Menschen unterschätzt. Die Natur ist stark, sehr stark, sie kann sehr zerstörerisch sein. Die Natur ist viel stärker als ein Mensch je sein kann. Während die Natur nur selten ihre Kraft zeigt, glaubt der Mensch mit seiner täglichen Zerstörung der Natur überlegen zu sein.

Du lehrst auch Respekt. Bei dir leben alle zusammen friedlich miteinander. Unser Zelt wurde in der Nacht von mehreren Tieren besucht, die Wölfe waren in der Nähe, der Bieber planschte so vor sich hin. Auch die Bären rüttelten ihre höchst empfindliche braune Knuddelnase und begaben sich auf Wanderung, wenn sie uns rochen, anstatt uns in die Stücke zu reißen.

Auch ich schlug nicht mehr, um mich herum, um Mücken zu töten. Ich lies sie einfach machen. Schließlich besteht der Sinn ihres Lebens nur darin, Nahrung (Blut) zu finden und sich fortzupflanzen, um zu überleben, sie stechen nicht, um mich zu ärgern. Irgendwie gehören sie auch zum Ökosystem. Im Gegenzug bedankten sich die Mücken mit fast juckenfreien Stichen.

Außer die Hirschlausfliegen. Okay, die gingen mir nun maßlos auf den Keks. Die waren einfach nur nervig. Das schlimmste ist, das man sie gar nicht so einfach töten kann. Biester. Karelien, kannst du da noch etwas machen?

Die Landschaft in Karelien

Karelien, deine dichten Wälder, durch die sich kaum Menschen bewegen. Deine leichten Hügel und deine unendlichen Seen, manche haben eine braune Färbung, die aber (meiner Meinung nach) deinen roten Gesteinen zu verdanken ist, manche hingegen sind so klar wie das Gebirgswasser. Deine Mammutbäume lassen mich wissen, wie klein wir Menschen doch sind.

Karelien-Bäume
Du bist nicht perfekt. Die Spuren von den gewaltigen Stürmen und Waldrodung, aber auch Aufforstung gehören zu deinem Alltag.

Deine natürlichen steinalten Wälder sind so dicht bewachsen, dass sie schon fast kein Licht durchlassen.

Die von Menschenhand gepflanzten Bäume bilden auch einen Märchenwald. Besonders in den Abendstunden, wenn die stark orangeverfärbten Lichtstrahlen sich durch die Bäume schlängeln.

Manchmal habe ich mich gefühlt wie Alice, pardon, Anastassija im Wunderland. Manchmal musste ich das innere Bedürfnis überwinden, meine Haare aus dem Zopf zu befreien und so federleicht durch den Wald zu hüpfen. (Wanderklamotten und schwerer Rucksack eignen sich ja ganz besonders für das federleichte Hüpfen a la Alice).

Sonnenuntergang Karelien

Ach Karelien, du bist so unscheinbar, so still, so ruhig und so schön. Du bist ein Geheimnis, das ich lüften durfte.

Irgendwann komme ich zurück und verbringe noch einen Sommer bei dir. Dann werde ich hoffentlich auch eine von denen sein, die aus der Floss-Sauna direkt in den See springen und das Leben, den Sommer und dich genießen.

Bis dahin,
Alles Gute!

BlaubeereninKarelien

PS:
Fotos von den gekauften Piroggen gibt es keine. Sie waren schneller gegessen, als ich die Kamera zücken konnte.

Wenn du dich jetzt fragst, was Karelien überhaupt ist, hilft dir Tante Wikipedia weiter.
Eine Reisereportage über Karelien findest du hier. Es dreht sich jedoch weniger um Natur, sondern mehr um die Kultur der region.

Mehr über Nordkamelien findest du hier: Visit Karelia

Wenn du coole Artikel oder Videos über Karelien kennst, dann ab in die Kommentare damit!

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10 Comments

  1. 1
  2. 3

    Genial Artikel! Und wunderschöne Bilder! Da muss ich auch mal hin …
    P.S. Im übrigen ein sehr genialer Blog. Bin per zufall hier gelandet :-)!

    • 4

      Hei Markus,
      vielen Dank! Leider wird die Gegend etwas unterschätzt, auf Google findet man kaum etwas Nützliches davon! Auch ich war zunächst etwas skeptisch und wurde eines Besseren belehrt! Wenn du Stille, Einsamkeit und viel Wald magst, wirst du es sehr mögen!

      Liebe Grüße,
      Ana

  3. 5

    Total schön geschrieben *träum*
    Du sprichst mir aus der Seele, auch wenn ich es nicht so formulieren könnte. Meine Liebe zu finnisch Karelien drücke ich in meinen Naturfotos aus.
    Die nächsten Urlaube in Nordkarelien sind bereits geplant 😉

    VG, Alex

    • 6

      Hei Alex,
      lieben Dank :)! Ein Bild kann mehr sagen als 1000 Worte :)! Übrigens, dir habe ich auch meine Einstellung zu Mücken zu verdanken! Früher habe ich Panik geschoben und wollte deswegen nie im Sommer in der Norden. Dann habe ich mal gegoogelt und deinen Beitrag dazu gefunden. Und du hast vollkommen recht: Akzeptieren und stechen lassen ist das beste Gegenmittel. Es hat ein paar Minuten gejuckt und weg war es! Anders, als wenn ich mir giftiges Zeug auf meine Haut gesprüht hätte, die Haut verzeiht es auch nicht so einfach. Auch wenn es mit den mutierten Mücken in Deutschland schon wieder etwas anders aussieht. Vielen Dank fürs Angstnehmen!

      Liebe Grüße,
      Ana

  4. 7

    Wow. Du bist wirklich verliebt :-)

    Aber ich finde nicht, dass die Gegend „unterschätzt“ wird, denn gerade mit Karelien macht Finnland sehr viel Werbung; für viele Menschen ist Karelien im Prinzip ein Synonym mit Finnland 😉 , ist dies doch ein bezaubernder Flecken Erde mit viel typischer finnischer Kultur.

    Herzliche Grüße,
    Dirk

    • 8

      Hihi, ja :)

      Findest du? Ich finde es gerade nicht. Lappland macht viel Werbung und alle wollen nach Lappland, wenn sie an den Norden denken (auch nicht so unberechtigterweise :D) Und das merkt man in Lappland auch an – die Wanderwege sind mehr bewandert und auch mehr gepflegt. In Karelien sieht es schon wieder anders an. Auch gibt es für viele karibische Wanderwege, wie z.B. den Susitaival keine offizielle Wanderkarte. Ferner können in Lappland fast alle gut Englisch, in Karelien hingegen nicht. Auch wenn die Menschen mega lieb und sehr hilfsbereit mit uns waren, hatte ich trotzdem das Gefühl exotisch zu sein. Ein Synonym für Finnland ist, meiner Meinung nach, eher die Seenlandschaft mistiger im Land. Viele denken auch, Karelien wäre Russland.

      Aber Recht hast du, bezaubernd ist es alle mal!

      Liebe Grüße,
      Ana

  5. 9

    Hallo, wunderbare Worte und aus meiner Seele gesprochen!
    Wenn Du mal Lust hast auf einen Erfahrungsaustausch…Karelien ist schon länger so etwas wie meine zweite Heimat geworden.
    THOMAS

    • 10

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